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Sex, Moral und Liebe

Sexualassistenz

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Untreuer Robert,

der Anlass, den Blog wieder aufzunehmen, ist in der heutigen TAZ (3.12.) das Interview mit der „Sexualassistentin Nina de Vries über ihre Arbeit mit Behinderten“. (Wir haben heute laut UN-Konvention den „Weltbehindertentag“). Lesen Sie das (http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/die-sind-ja-eigentlich-so-wie-ich/), es ist so erfrischend und lehrreich, wie alle unsere Blogtexte über Sex zusammen, vielleicht haben die Holländer(innen!) uns ja doch was voraus. Dass ich hier nur eine kleinen Passage zitiere, nötigt mir die Konzentration auf unser Thema ab, derer wir uns doch immer wieder befleißigen.

Sexualassistenz, ist das Therapie oder Prostitution?

Unter Prostitution verstehen Leute verschiedene Sachen, aber im Großen und Ganzen wird Prostitution in unserer Gesellschaft oft als etwas nicht sehr Schönes betrachtet, als etwas Grobes, Benutzendes. Den Begriff “Therapie” kann man leichter annehmen. Ich distanziere mich aber trotzdem nicht per se von dem Wort “Prostitution”, weil ich glaube, dass es auch in der “normalen” Prostitution viele Frauen und Männer gibt, die das gern und gut machen. Bei Sexualassistenz ist aber ganz wesentlich, dass ich genau weiß, wo meine Grenzen liegen, und mich auch daran halte. Ich muss authentisch sein, also etwa sagen können, ich möchte pauschal keinen Geschlechtsverkehr anbieten.

Was also ist Sexualassistenz?

Sexualassistenz ist eine sexuelle Dienstleistung, die mit Bewusstheit ausgeführt wird. Es ist keine Therapie, denn wenn ich das behaupte, dann gehe ich über den Klienten hinweg. Ich versuche immer, zu vermitteln, dass die Klienten bestimmen, was passiert. Wenn jemand eine Stunde lang nur meine Hand auf seinem Bauch haben möchte, ist das auch okay. Für einen Autisten kann es eine Höchstleistung sein, das zuzulassen!

Kann man also sagen dass Sexualassistenz eine Dienstleistung ist, die auf einer Art Beziehungsebene stattfindet?

Für mich trifft es eher der Begriff “Begegnung”: denn Beziehung ist ja oft nur eine Idee, die eigentlich bedeutet, dass ich jemanden einordne und besitzen möchte. Deshalb frage ich meine Klienten auch nie, wie es ihnen seit dem letzten Treffen ergangen ist. Das heißt aber nicht, dass deshalb Sorgfalt und Freundlichkeit keine Rolle spielen. Wichtig ist, dass so wenig Automatismen wie möglich die Begegnung bestimmen, nach dem Motto: Letztes Mal war es so und so, also wird es nun wieder so funktionieren.

Es sind deutlich mehr Männer als Frauen, die Sexualassistenz in Anspruch nehmen, obwohl es ja auch männliche Sexualassistenten gibt. Woran liegt das?

Frauen verbinden Sexualität schneller mit Beziehungen. Männer können nach einer Massage eher daliegen, ihre Frau anrufen und sagen, ich komme etwas später. Meiner Meinung nach ist viel davon auch biologisch induziert.

Usw, wie gesagt, es fällt mir schwer, etwas aus dem Artikel wegzulassen.

Beim nächsten Mal aber wieder was zu unserem Thema Pornographie, ich habe in der langen Pause nicht nur gelebt, sondern auch geguckt!

Konzentration!

Ihr Michael Domas

Written by Robert Alos

7. Dezember 2009 at 21:16

Blick + Orgie = Dekadenz

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Geduldiger Robert,

heute ist es an mir, mich für mein langes Schweigen zu entschuldigen. „Schweigen ist Fülle, Worte sind Hülle“ habe ich Mascha Kaleko neulich zitiert. Vergiss es. Denn Schweigen, erklärt das ZEIT-Feuilleton der letzten Woche in dem Artikel „Höfische Gesellschaft 2.0“, Schweigen ist gestrig wie das Biedermeier. Und so bin ich doch lieber ein „geistreicher Parvenü“, der sich im Netz „ausstellt wie eine Nutte auf der Ausfallstraße“, statt ein „verirrter Sonderling“, der wähnt, „Zurückgezogenheit würde noch als Ausdruck veredelten Charakters verstanden.“ Lassen Sie uns also, auch auf die Gefahr hin, man attestiere uns „Blödigkeit“, weiterhin schreiben, wovon in der „bürgerlichen Gesellschaft“ hinter vorgehaltener Hand „doppelzüngig“ geschwätzt wurde.

Untätig nämlich war ich im letzten Monat nicht, sondern habe mich mit Anschauung versorgt, quer durch die drei Ligen, in die Sie, kundiger Freund, das Pornobusiness einteilen.

Um mit Sasha Grey anzufangen: deren Performance ist erstaunlich und wenn auch nicht an-, so doch aufrührend. Den Galeriebesucher möchte ich sehn, „der sich in die Manege stürzte und das Halt! riefe durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters“. Wie sie sich drehen und wenden lässt, sich den Männern entgegendrängt und darbietet, sie sich einverleibt und gar nicht genug kriegen kann, das kann einen durchaus beschäftigen, zumal es in mehr als „62 verschiedenen Arten“ geschieht, die Georg Christoph Lichtenberg in seinen „Sudelbüchern“ findet, allein „den Kopf zu unterstützen“. Und sie ist ja nun durchaus nicht die „hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin“ aus Kafkas Zirkuserzählung, sondern „eine schöne Dame, weiß und rot“, vielleicht ein bisschen zu weiß und rot, ihr Gesicht wirkt etwas ordinär. Aber der Eindruck verliert sich, wenn es angefüllt wird von einem der riesigen Schwänze, über dem ihre Wangen dünn und geradezu durchsichtig werden und er aus ihrer tiefen Kehle lange Glitzerfäden herausfickt, die die Brüste und den Bauch benetzen bis hinunter zum geschwollenen Schoß der Künstlerin.

Nun, solche Lustbarkeiten lassen sich auch an anderen Filmchen abziehen als denen der Sasha Gray. Eines aber habe ich nur bei ihr gefunden: den Blick. Noch in den angespanntesten Stellungen sucht er den Kontakt zur Kamera, selbst wenn die Lippen sich bis an die Wurzel des Priaps* vorgestülpt haben und die Nase an die Bauchdecke dessen fleißigen Betreibers stößt, drehen sich noch die Pupillen bis zu den äußersten Augenwinkeln, um in die Kamera zu gucken. „Blick + Orgie = Dekadenz.“

„Blick + Orgie = Dekadenz“! Nur um Ihnen, Wissbegieriger, diese Formel zur Kenntnis zu bringen, das ganze Bisherige. Denn sie ist aus Camille Paglias Kulturgeschichte des Abendlandes „Masken der Sexualität“. Und da steht alles drin, was man über Pornographie wissen muss, zum Beispiel:

„Meiner Meinung nach überschätzt die Freudsche Theorie den sprachlichen Charakter des Unbewussten und unterschätzt die großartige filmische Bildhaftigkeit des Traumlebens. … Pornographie ist unverfälschter heidnischer Bilderkult. Gerade so, wie ein Gedicht ein rituell eingeschränkter, verbaler Ausdruck ist, so zeigt Pornographie als rituell eingeschränkter visueller Ausdruck die Dämonie von Sexualität und Natur. Jede Einstellung, jeder Blickwinkel in der Pornographie, so albern, gestellt oder leblos das Bild wirken mag, ist einer von vielen Versuche, sich von der Ungeheuerlichkeit der chthonischen Natur als ganzer ein Bild zu machen. Ist Pornographie Kunst? Sie ist es. Denn Kunst ist die Betrachtung und die Vorstellung, die rituelle Darbietung ursprünglicher Mysterien. Kunst gewinnt dem zerstörerischen Wirbel der Natur eine Ordnung ab. Kunst, sagte ich, ist voller Verbrechen. In der Hässlichkeit und Gewalt der Pornographie spiegelt sich die Hässlichkeit und Gewalt der Natur.“

Ich breche hier ab, nur um Ihnen, mein aufmerksamer Robert, die Nase lang zu machen, denn Ihr Gehirn wollte ich erregen, nicht Ihr Fleisch. Und ich werde Sie diesmal auch keinen Monat lang auf die Folter spannen, die Fortsetzung zu hören.

Vielleicht vergnügen Sie sich derweil mit dem SONNTAZ „Streit der Woche“ vom 10./11.Oktober „Ist Porno gucken okay?“ Oh je.

„Priap! Dir bau ich einen Tempel“*

Ihr Michael Domas

* verspricht (und hält!) eben der Johann Heinrich Voss, der Ilias und Odyssee übersetzt hat. Würde Wolfgang Petersen dessen Gedicht „An Priap“ verfilmen, schlüge das alle Pornos, die wir bisher gesehen haben.

Sehn Sie’s den Mädels an, ob sie wirklich scharf sind?

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Werter Domas,

ich muss mich für mein Schweigen entschuldigen. Das Leben, das Leben, voll ist es und man kommt zu nix (bedeutendem).

Ob man es den Mädels ansieht, ob sie wirklich scharf sind? Das ist eine gute Frage. Mädels denen man es ansieht, solche gibt es sehr wohl, würde ich nochmals unterteilen, in solche, die es perfekt beherrschen und solchen, die es wirklich sind, ohne doppelten Boden.

Die echten “Profi-Freaks” unten den Pornostars, mir kommt da z.B. eine Sasha Grey in den Sinn, behaupten wirklich geil dabei zu sein – was wir auch gerne glauben. Bei jenen ist der Beruf gleichzeitig auch Berufung. Daran zweifeln wir nicht und daraus leitet sich ohne Umwege ihr großer Erfolg ab.

Unterhalb der Liga-”Grey” sozusagen, kommt die große, breite Schicht der Profis. Da wird versucht, gespielt, geblufft, gewollt. Das ist die, ich nenne sie, Arbeiterschicht im Pornobusiness.

Unterhalb der Arbeiterschicht, da wird es wieder interessant (für mich zumindest). Da beginnt der Bereich der Amateure. Da wird es tendenziell wieder echt und authentisch. Da ist Geilheit nicht nur zu sehen, da wird sie auch (vor)gelebt, im wahrsten Sinne des Wortes.

Jedoch ist auch dort zu beachten, daß das Amateur-Genre stellenweise seinem eigenen Erfolg zum Opfer fällt. Denn Porno wäre nicht Porno, wenn dieses sehr erfolgreiche Amateur-Genre (viele Konsumenten/Fans) nicht mit allen Mitteln versucht würde imitiert (versucht, gespielt, geblufft, gewollt) zu werden.

Werter Domas, Sie können sich denken worauf ich hinaus will. Auch bei Porno empfiehlt es sich: Augen auf! Nichts ist, was es zu sein scheint. Porno halt.

Robert Alos

Written by Robert Alos

25. September 2009 at 16:17

Willst du einer Frau in den Arsch, musst du zuerst in ihren Kopf eindringen

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Schweigsamer Freund,

(denn „Schweigen ist Fülle, Worte sind Hülle“ so ähnlich bei Mascha Kaleko),

nun Sie selber sich entweder keine Internetfilmchen ansehen (aber ist das vorstellbar?) oder es vorziehen, über Ihre Erfahrungen zu schweigen (das ist vorstellbar), habe ich mich in der A.L.-Kennedy-Frage, ob wir mir den Pornomädels Mitleid empfinden müssen, nach einen Fachmann umgetan, und bin auf ein Interview mit dem „berühmtesten Pornostar der Welt“ gestoßen. Es ist zwar schon von 2005, aber in diesen Dingen bleiben die Dinge sich ja gleich.

Rocco Sifredi:

„Die Bescheidenheit ist eine weitere Qualität des Profis. Wer sich auf dem Set als Superrammler gebärdet, macht meistens als Erster schlapp. Entscheidend aber ist, dass man mit der Frau ein Feeling aufbauen kann.“

“Sie lachen, aber die Psyche ist auch im Porno entscheidend. Willst du einer Frau in den Arsch, musst du zuerst in ihren Kopf eindringen. Auf dem Set streckt dir jede den Hintern entgegen, aber nur wenige machen es wirklich mit Leidenschaft. Die Augen alleine verraten dir, ob jemand wirklich scharf ist.“

Und dann auch noch zu Viagra:

„Wenn es nach mir ginge, würde ich Viagra auf dem Set tatsächlich verbieten. Es verschafft den Darstellern zwar einen Dauerständer, nimmt ihnen aber die Geilheit. Wer sich auf natürliche Art erregt, hat diesen tierischen Ausdruck in den Augen, den ein Viagra-Junkie nie haben wird. Kommt hinzu, dass Viagra den Höhepunkt unglaublich in die Länge ziehen kann. Es ist möglich, dass einer eine halbe Stunde rubbeln muss, bis er endlich kommt. Das ist langweilig und törnt die Zuschauer ab.“

Wow, sage ich dazu, gut gebrüllt, Löwe, und denk mir, bei so professionell Professionellen kann die Arbeit ja so unangenehm nicht sein.

Bleibt die Frage: Sehn Sie’s den Mädels an, ob sie wirklich scharf sind?

Großartiges Schauspiel

Michael Domas

Die klassische Sau

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Cher Robert,

an der ein wenig (um „masochistisch“ zu vermeiden) existenzialistischen Variante des Urinierens, die Sie beschreiben, hat mich vor allem verblüfft, wie viel Disziplin und Selbstüberwindung sie erfordert. Beides scheinen mir übrigens förderliche (forderbare?) Ingredienzien auch von Sex, insbesondere dann, wenn sie die Kehrseite des „`Loslassen´“-Könnens darstellen. Lieber Robert, vielleicht kann ich mich für Ihre kleine Erlösungsgeschichte revanchieren, indem ich meine Plauderei über gemeinsames (!) Wasserlassen auf meine Homepage stelle. Oder gestatten Sie mir gleich hier das kleine Selbstzitat:

„Manchmal gehen wir auch zusammen pinkeln. Ich verschränke meine Arme im Nacken meines Geliebten, er nimmt mein Gesäß auf seine Hände, hebt mich auf sich drauf und lässt sich mit mir auf die Kloschüssel nieder. Es braucht immer eine Zeit, bis es aus uns beiden rausströmt, wir müssen uns dazu ganz entspannen, man kann das ebenso wenig willentlich herstellen wie eine Erektion. Sein Schwanz muss steif genug sein, um in mir drin zu bleiben, aber darf nicht so prall sein, dass er nicht mehr pissen kann.“

Nein, streichen Sie das. Aber lassen Sie mich das Zitieren fortsetzen, es gibt ja ganze Bücher, in denen sich die Verfasser damit brüsten, wie viele „Stellen“ sie in der Weltliteratur aufzustöbern wussten. Second-hand-Pornografie nenne ich das, will heute aber mal „Die klassische Sau“ geben, und zwar mit A.L. Kennedy. Sollten Sie einwenden, Kennedy sei aber keine Klassikerin, haben Sie nicht die ZEIT und nicht Denis Scheck vernommen, die loben A.L. in den höchsten Tönen, die wird noch mal Klassikerin.

Jedenfalls habe ich noch mal „Gleissendes Glück“ gelesen, ein schräges Buch, darin aber so lucide Sätze wie: „Sie gestattete sich, dem Verlorenen untreu zu werden indem sie sich nicht mehr danach sehnte.“ Und darin auch etwas zu unserer alten Debatte um Pornografie und Prostitution (also den Veranstaltungsformen von Sex):

„Es tut mir leid, aber ich habe hier ein Foto von einer Frau, in der zwei Männer stecken. Das schaue ich mir an. Ein Foto in einer Zeitschrift. Sie und zwei Männer. Ihre Lippen verdecken den Schwanz des ersten Mannes nicht ganz, er ist auch ziemlich groß. Ich glaube nicht, daß sie den ganz in die Kehle kriegen würde, aber es ist ohnehin die ideale Haltung für sie, denn diese Fotos sollen uns ihre ganze Wahrheit zeigen. Wir müssen das Lutschen und den Schwanz sehen. Und das Ficken. Ihr zweiter Gefährte fickt sie anal, und natürlich können wir das meiste von ihm sehen – das, worauf es ankommt – und ebenso ihren emporgereckten Arsch, wie willig und offen sie ist. Er trägt dunkle Socken, dieser zweite Mann, und hat Krampfadern – nicht schlimm, aber man sieht sie.

Hast du schon mal zwei Schwänze in einer Frau von nahem gesehen? Davon habe ich auch Fotos – in den Arsch und in die Möse gefickt? -, und es sieht unvorstellbar aus. Die Penisse sehen aus wie ein dickes Seil, das gut eingefettet durch sie hindurch gezogen wird. Auf Video pulsieren sie im Takt, oder auch nicht, als würden sie sich von ihr ernähren, ein Fickparasit.

Helen, das ist alles so klar, viel klarer als das Leben. Sie sind nur da, damit ich sie anschauen kann, die zwei Männer, die sich in Ekstase reiben, und sie, die keinerlei Vergnügen empfindet. Sie dient nur dazu, die beiden kommen zu lassen und den Zuschauer kommen zu lassen; das ist der ganze Grund für ihr Dasein, mehr muß man nicht hinzufügen. Die Männer können sie überall berühren, innen und außen, aber sie müssen sie nicht zum Höhepunkt bringen, sie müssen nicht mal ihre Möse benutzen, wenn sie keine Lust haben. Sie kriegt es bloß dahin, wo sie es reinstecken. Kein Vergnügen, kein Spaß. Außer natürlich, die Ejakulation an sich bereitet ihr Vergnügen. Wenn das so ist, dann ist sie eine dreckige Schlampe und verdient alles, was sie kriegt, sogar, von der gesamten Fotocrew vergewaltigt zu werden, auf den nächsten Seiten, ich weiß es. Ich habe mir dieses Heftchen schon mal angesehen. Sie wird von sieben Männern benutzt und erniedrigt, während ihr Mund unechte Gefühle vorzeigt und ihre Augen abgeschaltet haben.

Jeder gesunde und normale Mensch, der sie in diesem Zustand sehen könnte, würde nichts als Mitleid mit ihr empfinden und ihr helfen wollen. So sollte es sein, Helen, so müßte es sein.“

Entschuldigen Sie, das Zitat ist etwas lang geraten (ich hoffe ich habe das Urheberrecht nicht verletzt.) Aber es wird doch unsere Frage neu und scharf gestellt: Müssen wir Mitleid empfinden?

Mon cher copain, ich habe auch deshalb auf mich warten lassen, weil ich mich einem Selbsttest unterworfen und mir entsprechende Filmchen im Internet angesehen habe. Bevor ich nun verrate, ob meine Reaktion in Mitleid bestand, warte ich Ihre Antwort ab: Müsste es so sein?

Gespannt

Michael Domas

Körperkulte und eine Rousseau “Verdrehung”

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Geehrter Robert,

lassen Sie uns noch ein wenig bei dem Thema „Körperkulte“ verweilen. Nicht erst die Suspender, Tätowierten, Gepiercten und Sadomasochisten haben körperliche Anstrengungen – oder gegebenenfalls Schmerzen – dazu genutzt, sich ihrer Existenz zu vergewissern.

Über 300 Jahre nachdem Petrarca „lediglich aus Verlangen“ den Mont Ventoux bestieg und damit das Wandern (außerhalb des Müllers Lust) erfand, hat, mehr als 200 Jahre vor uns, Jean-Jacques Rousseau das hohe Lied der Naturerfahrung gesungen. Ich habe mir den Scherz erlaubt, im nachfolgenden Text einige Wörter zu ersetzen, nämlich „Wandern“ durch „Sex“, „Feld“ durch „Haut“, „Gast“ durch „Freuden“ und „Reisen“ durch „Abenteuer“. Hören Sie, was nach diesen wenigen Änderungen rauskommt:

„Im Sex liegt etwas meine Gedanken Anfeuerndes und Belebendes, und ich kann kaum denken, wenn ich mich nicht vom Platz rühre; mein Körper muss in Bewegung sein, wenn es mein Geist sein soll. Der Anblick der freien Haut, der Wechsel angenehmer Aussichten, der gute Appetit, das Wohlbefinden, das sich beim Sex einstellt, die Ungebundenheit des Freudenhauslebens, die Entfernung von allem, was mich meine Abhängigkeit fühlen lässt, von allem, was mich an meine Lage erinnert – all das befreit meine Seele, gibt mir eine größere Kühnheit der Gedanken, schleudert mich gewissermaßen hinein in die unendliche Mannigfaltigkeit der Wesen, mit der Kraft, sie zu verbinden, sie auszuwählen, sie mir nach Gefallen, ohne Scheu und Furcht, anzueignen. Ich verfüge als Herr über die ganze Natur; mein Herz, von Gegenstand zu Gegenstand gaukelnd, verbindet sich verschmilzt sich mit denen, die ihm zusagen, umgibt sich mit reizenden Bildern, berauscht sich an seligen Empfindungen. Oh, hätte man die Gedanken meiner ersten Jugend sehen können, die während meiner Abenteuer entstanden, die ich gestaltete und niemals niederschrieb …! Warum, wird man sagen, schriebst du sie nicht nieder? Und warum hätte ich sie niederschreiben sollen? Gebe ich zur Antwort. Warum mich der Lust des gegenwärtigen Genusses berauben, um andern von vergangenem Genusse zu sprechen? Was bedeuteten mir Leser, Publikum, die ganze Welt, indes ich in den Himmeln schwebte? Im Übrigen: Trug ich denn Papier und Feder bei mir? Wenn ich an das alles gedacht hätte, wäre mir nichts eingefallen. Ich sah nicht voraus, dass mir Gedanken kommen würden; sie erscheinen, wenn es ihnen, nicht, wenn es mir gefällt. Sie kommen entweder gar nicht oder in Menge, sie erdrücken mich durch ihre Zahl und ihre Kraft. Zehn Bände täglich, würden nicht genügt haben. Woher sollte ich die Zeit nehmen, sie zu schreiben? Ich wusste, dass immer neue Paradiese meiner warteten, und dachte nur daran, sie zu suchen.“

Findiger Freund, Sie haben gemerkt, dass es mir mit dem Zitat mehr ums „Schreiben“ ging als ums „Wandern“? In der ZEIT schreibt Peter Kümmel unter dem schönen Titel „Im Gestöber der Intimität“ übers Bloggen: „Wo der Briefeschreiber von einst einen Dialog führte, da sind die Blogger und Twitter auf Mitleser und Mitwisser scharf, auf Mitgerissene. Sie wollen keine Antwort, sie wollen Verstärkung und Vervielfältigung. Sie zielen ins Gestöber. Aus der Korrespondenz mit dem Freund ist das weltweit streuende Selbstgespräch geworden.“

Ich aber korrespondiere ja hier mit einem Freund und will durchaus Antwort

Ihr Michael Domas

Papillomaviren, Suspender und Masochismus für Einsteiger

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Edler Robert (denn edel ist, wer sich rar macht),

man muss es wie Dostojewski halten, Zeitungen lesen:

Die ZEIT gibt einen Hinweis auf die Antwort zur Frage: Ist der weiße Mann dem Neger sexuell unterlegen? (Es gibt ewige Fragen, die nicht deshalb verschwinden, weil sie peinlich sind.)

In der Ausgabe von letzter Woche wird berichtet: „US-Mediziner haben festgestellt [dass CocaCola Schnaps enthält, nein], dass mehr weiße als schwarze Patientinnen an sexuell übertragbaren Papillomaviren litten – dies sei Folge unterschiedlicher Sexualpraktiken, Weiße hätten häufiger Oralverkehr.“

Verstehn Sie den zaunpfahldicken Wink, flinker Robert?

Noch doller liest sich die TAZ: „Der neue Kult in der Tattoo- und Piercingszene heißt Suspension – das Aufhängen der eigenen Haut an Fleischerhaken. Vorbild sind indianische Bußrituale, das Ziel ist Erlösung.“ Wer denkt da nicht an den „Mann, den sie Pferd nannten“, oder glaubt sich gar vom letzteren getreten.

„Es geht darum, seinen Körper zu erfahren. Erst muss man die Angst überwinden, dann folgt Schmerz. Durch den Stress werden die Hormone Adrenalin und Beta-Endorphin ausgeschüttet, ein Glücksgefühl entsteht. Das Ergebnis ist ein den Schmerz erlösender Zustand. Erleuchtung.“ Der Zusammenfassung sind sich die Adepten bewusst: „Erleichterung, wenn der Schmerz abnimmt.“ Ich glaube ja, dass sich mindestens die Hälfte der menschlichen Glückserfahrungen dem Prinzip verdankt: Wie schön, wenn der Schmerz nachlässt. Es ist wie bei dem alten Irrenhauswitz: Ein Besucher wundert sich, dass die Insassen sich in einer Reihe aufgestellt haben und einer nach dem anderen mit dem Kopf voran gegen die nächste Wand läuft. Tut das denn nicht weh?, fragt der Besucher einen, der mühsam zurücktaumelt, um sich wieder anzustellen. Doch, sagt der Irre, aber es ist so schön, wenn der Schmerz nachlässt.

Dass „die „Leute vergessen haben, wie es ist, den Körper zu fühlen“, verwundert einen im Zeitalter des Körperkults. Aber nun „durch Piercings und Suspension zu wissen: Ich bin da.“ – welch freudlosen Göttern werden hier die Fleischesopfer dargebracht. Ich habe in meinen „Plaudereien“ „Mein Geliebter“ den Freuden des Aufgehängtseins, auch der Kopfüber-Variante, einigen Raum gewidmet. Aber doch unter dem Motto: Vögeln wie die Mauersegler – im Fliegen. Und nun so was; „es gehe bei der Suspension nicht um einen sexuellen Hintergrund“, betont der Chef des „Super-fly-Teams“. Weshalb denn nicht?

Ratlos

Ihr

Michael Domas

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Lieber Michael,

die Frage “Ist der weiße Mann dem Neger sexuell unterlegen?” ist ein grober Verstoß an der “Political Correctness”, aber scheint in diesem Fall gewollt zu sein und trifft den Nagel auf dem Kopf. Auch ich lebe mit dem subjektivem Unterlegenheitsempfinden gegenüber unseren schwarzafrikanischen Mitmenschen. Kann man da überhaupt noch sachlich drüber diskutieren, ohne diese Debatte bewusst im Satireton an zustimmen, als intellektuelle Ausweichroute sozusagen?

Kann man nicht sagen: “Ja, der Schwarze hat in der Regel einen längeren Schwanz und weiß seinen Körper gekonnter zu bewegen als der gemeine weiße Mann – das zumindest belegen wissenschaftliche Studien”. Ich weiss es nicht und kann mir vorstellen, das selbst wenn solche Erkenntnisse vorliegen, kein Wissenschaftler, ohne dabei seine Reputation aufs Spiel zu setzen, dieses auch behaupten kann (darf). Analog dazu seien an dieser Stelle die Biologen genannt, die sich davor hüten, sich ernsthaft die wissenschaftliche Mühe zu machen dem Kreationistenpack das Handwerk zu legen (Entschuldigen Sie mir diesen Ausrutscher – anderes Thema).

Ein Tip von mir zum Thema “Erleichterung, wenn der Schmerz abnimmt.” als masochistischer Selbstakt.

Zögere dem Moment des Wasserlassens so weit raus, bis das der Harndrang in Dir zu einem omnipräsenten Zwang aufsteigt. Erst dann suche das stille Örtchen auf und ziele, in wohliger Vorausahnung der baldigen Erlösung, den Schlauch aufs Höllenfeuer. Jetzt kommt Stufe zwei der Übung. Peniswurzel fest zusammen drücken und innerlich “loslassen”. Das Gefühl geht durchs Knochenmarkt und erreicht seinen höchsten Erregungspunkt (spätestens dann durchfährt ein grobes Zucken meinen Körper). Wenn Du nun die Tore öffnest und dem Druck seinen freien Lauf lässt, dann kann das Wort Erleichterung eine neue Dimension erreichen.

Ja ich weiß, eher was für die Ecke “Masochismus für Einsteiger”.

So, genug gelabert.

Dein Robert

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