“den ganzen Dreck, der mich anwiderte”
Lieber Robert,
die schönsten Beispiele für Heuchelei liefert natürlich das Mutterland härtester Prüderie und härtester Pornografie. Den Fall des New Yorker Gouverneurs Eliot Spitzers aber hätte treffender nicht einmal ich mir ausdenken können. Der Mann, der zwei Prostituierenringe hat auffliegen lassen („den ganzen Dreck, der mich anwiderte“), lässt selber ein Callgirl von einem Bundesstaat in den anderen transpotieren (was in den USA als Menschenhandel gilt!). Dass der kleine Eliot „ohne fließendes warmes Wasser aufwuchs“, lässt natürlich Mitgefühl aufkommen und seine Versicherung “Ich gehe mit dem Glauben daran, dass die größte Leistung des Menschen nicht daran besteht, niemals zu fallen, sondern darin, wieder aufzustehen, wenn wir gestürzt sind.” geradezu Respekt. Oder wird er, wenn er denn wieder aufgestanden ist, noch gnadenloser weitermachen als bisher? Werden ertappte Sünder, Konvertiten gleich, noch ärgere Fundis oder entwickeln sie Verständnis für andere arme Sünder?
Vielleicht interessiert Sie, ausgezeichneter Robert, an dem Fall aber gar nich so sehr der hässliche Guvernör wie die „zierliche, sehr hübsche Brünette, 1,67 Meter groß, 52 Kilo“ (so der Prospekt), Frau Ashley Alexandra Dupré, die der New York Times entüllt, „kein Monster“ sein zu wollen. Habe ich „Hübschheit“ vielleicht doch unterschätzt, wo sie doch 1000 $ pro Stunde einbringen kann? Haben Sie die Fotostrecke mit ihr gesehen? Ja, hübsch, aber aufmerken lässt einen erst der Satz: “Can you handle me?” Guter Satz!
Was mich aber an mir selber irritiert: Der moralische Furor Spitzers dem Finanzgewerbe gegenüber nötigt mir geradezu frenetischen Beifall ab: “Hätte ich noch die alte Macht, falls ich also noch Vorladungen aussprechen könnte, würde ich vier Männer in vier Räume bitten und getrennt voneinander vernehmen: Ben Bernanke, den Chef der Zentralbank ‘Fed’, Timothy Geithner, den einstigen Chef der New Yorker Zentralbank und heutigen Finanzminister, Hank Paulson, den früheren Chef von Goldman Sachs und ehemaligen Finanzminister, und Lloyd Blankfein, den aktuellen Chef von Goldman Sachs“ Gut gebrüllt, Löwe, zahnloser! Nun ist ja aber meine moralische Reaktion wohl Zeichen meiner Hilflosigkeit. Und befinde ich mich – was mich aber durchaus nicht beruhigt – mit meiner Ratlosigkeit in guter (?) Gesellschaft. SPIEGELONLINE überschreibt seinen Bericht über den „verzweifelten Kampf gegen die Kreditkrise“ mit „Potpourri der Vorschläge“. Vielleicht sollte ich doch damit anfangen, mich an Sarah Wagenknecht zu halten.
Im Übrigen sind ja nun Sie, trefflicher Robert, für das Ökonomische zuständig! Und so kann ich mich entspannt (oder gegebenenfalls empört) den schönen (gegebenenfalls schecklichen) Seiten der menschlichen Komödie zuwenden, der Liebe. Herr Domas, wo bleibt das Positive? Diesmal antworte ich nicht wie Erich Kästner (schon wieder der!) „Ja, wo bleibt es?“, sondern verweise auf die Titelgeschichte des letzten ZEIT-MAGAZINS über „Die erste Liebe“. Mehr darüber beim nächsten Mal. Nur soviel sei verraten: Jugendforscher Klaus Hurrelmann himself meint: „Die Generation Porno ist ein Schreckgespenst“!
Ja sowas!
Ihr
Michael Domas
