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Sex, Moral und Liebe

Körperkulte und eine Rousseau “Verdrehung”

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Geehrter Robert,

lassen Sie uns noch ein wenig bei dem Thema „Körperkulte“ verweilen. Nicht erst die Suspender, Tätowierten, Gepiercten und Sadomasochisten haben körperliche Anstrengungen – oder gegebenenfalls Schmerzen – dazu genutzt, sich ihrer Existenz zu vergewissern.

Über 300 Jahre nachdem Petrarca „lediglich aus Verlangen“ den Mont Ventoux bestieg und damit das Wandern (außerhalb des Müllers Lust) erfand, hat, mehr als 200 Jahre vor uns, Jean-Jacques Rousseau das hohe Lied der Naturerfahrung gesungen. Ich habe mir den Scherz erlaubt, im nachfolgenden Text einige Wörter zu ersetzen, nämlich „Wandern“ durch „Sex“, „Feld“ durch „Haut“, „Gast“ durch „Freuden“ und „Reisen“ durch „Abenteuer“. Hören Sie, was nach diesen wenigen Änderungen rauskommt:

„Im Sex liegt etwas meine Gedanken Anfeuerndes und Belebendes, und ich kann kaum denken, wenn ich mich nicht vom Platz rühre; mein Körper muss in Bewegung sein, wenn es mein Geist sein soll. Der Anblick der freien Haut, der Wechsel angenehmer Aussichten, der gute Appetit, das Wohlbefinden, das sich beim Sex einstellt, die Ungebundenheit des Freudenhauslebens, die Entfernung von allem, was mich meine Abhängigkeit fühlen lässt, von allem, was mich an meine Lage erinnert – all das befreit meine Seele, gibt mir eine größere Kühnheit der Gedanken, schleudert mich gewissermaßen hinein in die unendliche Mannigfaltigkeit der Wesen, mit der Kraft, sie zu verbinden, sie auszuwählen, sie mir nach Gefallen, ohne Scheu und Furcht, anzueignen. Ich verfüge als Herr über die ganze Natur; mein Herz, von Gegenstand zu Gegenstand gaukelnd, verbindet sich verschmilzt sich mit denen, die ihm zusagen, umgibt sich mit reizenden Bildern, berauscht sich an seligen Empfindungen. Oh, hätte man die Gedanken meiner ersten Jugend sehen können, die während meiner Abenteuer entstanden, die ich gestaltete und niemals niederschrieb …! Warum, wird man sagen, schriebst du sie nicht nieder? Und warum hätte ich sie niederschreiben sollen? Gebe ich zur Antwort. Warum mich der Lust des gegenwärtigen Genusses berauben, um andern von vergangenem Genusse zu sprechen? Was bedeuteten mir Leser, Publikum, die ganze Welt, indes ich in den Himmeln schwebte? Im Übrigen: Trug ich denn Papier und Feder bei mir? Wenn ich an das alles gedacht hätte, wäre mir nichts eingefallen. Ich sah nicht voraus, dass mir Gedanken kommen würden; sie erscheinen, wenn es ihnen, nicht, wenn es mir gefällt. Sie kommen entweder gar nicht oder in Menge, sie erdrücken mich durch ihre Zahl und ihre Kraft. Zehn Bände täglich, würden nicht genügt haben. Woher sollte ich die Zeit nehmen, sie zu schreiben? Ich wusste, dass immer neue Paradiese meiner warteten, und dachte nur daran, sie zu suchen.“

Findiger Freund, Sie haben gemerkt, dass es mir mit dem Zitat mehr ums „Schreiben“ ging als ums „Wandern“? In der ZEIT schreibt Peter Kümmel unter dem schönen Titel „Im Gestöber der Intimität“ übers Bloggen: „Wo der Briefeschreiber von einst einen Dialog führte, da sind die Blogger und Twitter auf Mitleser und Mitwisser scharf, auf Mitgerissene. Sie wollen keine Antwort, sie wollen Verstärkung und Vervielfältigung. Sie zielen ins Gestöber. Aus der Korrespondenz mit dem Freund ist das weltweit streuende Selbstgespräch geworden.“

Ich aber korrespondiere ja hier mit einem Freund und will durchaus Antwort

Ihr Michael Domas

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