Sexualassistenz
Untreuer Robert,
der Anlass, den Blog wieder aufzunehmen, ist in der heutigen TAZ (3.12.) das Interview mit der „Sexualassistentin Nina de Vries über ihre Arbeit mit Behinderten“. (Wir haben heute laut UN-Konvention den „Weltbehindertentag“). Lesen Sie das (http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/die-sind-ja-eigentlich-so-wie-ich/), es ist so erfrischend und lehrreich, wie alle unsere Blogtexte über Sex zusammen, vielleicht haben die Holländer(innen!) uns ja doch was voraus. Dass ich hier nur eine kleinen Passage zitiere, nötigt mir die Konzentration auf unser Thema ab, derer wir uns doch immer wieder befleißigen.
Sexualassistenz, ist das Therapie oder Prostitution?
Unter Prostitution verstehen Leute verschiedene Sachen, aber im Großen und Ganzen wird Prostitution in unserer Gesellschaft oft als etwas nicht sehr Schönes betrachtet, als etwas Grobes, Benutzendes. Den Begriff “Therapie” kann man leichter annehmen. Ich distanziere mich aber trotzdem nicht per se von dem Wort “Prostitution”, weil ich glaube, dass es auch in der “normalen” Prostitution viele Frauen und Männer gibt, die das gern und gut machen. Bei Sexualassistenz ist aber ganz wesentlich, dass ich genau weiß, wo meine Grenzen liegen, und mich auch daran halte. Ich muss authentisch sein, also etwa sagen können, ich möchte pauschal keinen Geschlechtsverkehr anbieten.
Was also ist Sexualassistenz?
Sexualassistenz ist eine sexuelle Dienstleistung, die mit Bewusstheit ausgeführt wird. Es ist keine Therapie, denn wenn ich das behaupte, dann gehe ich über den Klienten hinweg. Ich versuche immer, zu vermitteln, dass die Klienten bestimmen, was passiert. Wenn jemand eine Stunde lang nur meine Hand auf seinem Bauch haben möchte, ist das auch okay. Für einen Autisten kann es eine Höchstleistung sein, das zuzulassen!
Kann man also sagen dass Sexualassistenz eine Dienstleistung ist, die auf einer Art Beziehungsebene stattfindet?
Für mich trifft es eher der Begriff “Begegnung”: denn Beziehung ist ja oft nur eine Idee, die eigentlich bedeutet, dass ich jemanden einordne und besitzen möchte. Deshalb frage ich meine Klienten auch nie, wie es ihnen seit dem letzten Treffen ergangen ist. Das heißt aber nicht, dass deshalb Sorgfalt und Freundlichkeit keine Rolle spielen. Wichtig ist, dass so wenig Automatismen wie möglich die Begegnung bestimmen, nach dem Motto: Letztes Mal war es so und so, also wird es nun wieder so funktionieren.
Es sind deutlich mehr Männer als Frauen, die Sexualassistenz in Anspruch nehmen, obwohl es ja auch männliche Sexualassistenten gibt. Woran liegt das?
Frauen verbinden Sexualität schneller mit Beziehungen. Männer können nach einer Massage eher daliegen, ihre Frau anrufen und sagen, ich komme etwas später. Meiner Meinung nach ist viel davon auch biologisch induziert.
Usw, wie gesagt, es fällt mir schwer, etwas aus dem Artikel wegzulassen.
Beim nächsten Mal aber wieder was zu unserem Thema Pornographie, ich habe in der langen Pause nicht nur gelebt, sondern auch geguckt!
Konzentration!
Ihr Michael Domas

Ich empfinde es als Problem, das viele Tätigkeiten, welche unter anderem Prostitution beinhalten, auf diese reduziert werden, weil es als so überwiegend schlimm wahrgenommen wird. So werden Geishas z.B. manchmal als “Hochklassige Prostituierte” bezeichnet, obwohl dies einen verschwindend kleinen Teil ihrer Tätigkeit ausmacht. Natürlich ist Sexualassistenz AUCH Prostitution, schliesslich werden auch sexuelle Kontakte geboten- aber nicht nur. Genauso beinhalten gewisse Formen der Prostitution auch Therapie. Ein Kunde hat mir gegenüber mal zugegeben, dass er unsere Treffen als für sich heilsam-therapeutisch ansieht. Therapie und Prostitution schliesst sich keineswegs aus, es ist nicht entweder-oder.
Sina
4. Februar 2011 um 14:35