Artikel getaggt mit ‘Mascha Kaleko’
Blick + Orgie = Dekadenz
Geduldiger Robert,
heute ist es an mir, mich für mein langes Schweigen zu entschuldigen. „Schweigen ist Fülle, Worte sind Hülle“ habe ich Mascha Kaleko neulich zitiert. Vergiss es. Denn Schweigen, erklärt das ZEIT-Feuilleton der letzten Woche in dem Artikel „Höfische Gesellschaft 2.0“, Schweigen ist gestrig wie das Biedermeier. Und so bin ich doch lieber ein „geistreicher Parvenü“, der sich im Netz „ausstellt wie eine Nutte auf der Ausfallstraße“, statt ein „verirrter Sonderling“, der wähnt, „Zurückgezogenheit würde noch als Ausdruck veredelten Charakters verstanden.“ Lassen Sie uns also, auch auf die Gefahr hin, man attestiere uns „Blödigkeit“, weiterhin schreiben, wovon in der „bürgerlichen Gesellschaft“ hinter vorgehaltener Hand „doppelzüngig“ geschwätzt wurde.
Untätig nämlich war ich im letzten Monat nicht, sondern habe mich mit Anschauung versorgt, quer durch die drei Ligen, in die Sie, kundiger Freund, das Pornobusiness einteilen.
Um mit Sasha Grey anzufangen: deren Performance ist erstaunlich und wenn auch nicht an-, so doch aufrührend. Den Galeriebesucher möchte ich sehn, „der sich in die Manege stürzte und das Halt! riefe durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters“. Wie sie sich drehen und wenden lässt, sich den Männern entgegendrängt und darbietet, sie sich einverleibt und gar nicht genug kriegen kann, das kann einen durchaus beschäftigen, zumal es in mehr als „62 verschiedenen Arten“ geschieht, die Georg Christoph Lichtenberg in seinen „Sudelbüchern“ findet, allein „den Kopf zu unterstützen“. Und sie ist ja nun durchaus nicht die „hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin“ aus Kafkas Zirkuserzählung, sondern „eine schöne Dame, weiß und rot“, vielleicht ein bisschen zu weiß und rot, ihr Gesicht wirkt etwas ordinär. Aber der Eindruck verliert sich, wenn es angefüllt wird von einem der riesigen Schwänze, über dem ihre Wangen dünn und geradezu durchsichtig werden und er aus ihrer tiefen Kehle lange Glitzerfäden herausfickt, die die Brüste und den Bauch benetzen bis hinunter zum geschwollenen Schoß der Künstlerin.
Nun, solche Lustbarkeiten lassen sich auch an anderen Filmchen abziehen als denen der Sasha Gray. Eines aber habe ich nur bei ihr gefunden: den Blick. Noch in den angespanntesten Stellungen sucht er den Kontakt zur Kamera, selbst wenn die Lippen sich bis an die Wurzel des Priaps* vorgestülpt haben und die Nase an die Bauchdecke dessen fleißigen Betreibers stößt, drehen sich noch die Pupillen bis zu den äußersten Augenwinkeln, um in die Kamera zu gucken. „Blick + Orgie = Dekadenz.“
„Blick + Orgie = Dekadenz“! Nur um Ihnen, Wissbegieriger, diese Formel zur Kenntnis zu bringen, das ganze Bisherige. Denn sie ist aus Camille Paglias Kulturgeschichte des Abendlandes „Masken der Sexualität“. Und da steht alles drin, was man über Pornographie wissen muss, zum Beispiel:
„Meiner Meinung nach überschätzt die Freudsche Theorie den sprachlichen Charakter des Unbewussten und unterschätzt die großartige filmische Bildhaftigkeit des Traumlebens. … Pornographie ist unverfälschter heidnischer Bilderkult. Gerade so, wie ein Gedicht ein rituell eingeschränkter, verbaler Ausdruck ist, so zeigt Pornographie als rituell eingeschränkter visueller Ausdruck die Dämonie von Sexualität und Natur. Jede Einstellung, jeder Blickwinkel in der Pornographie, so albern, gestellt oder leblos das Bild wirken mag, ist einer von vielen Versuche, sich von der Ungeheuerlichkeit der chthonischen Natur als ganzer ein Bild zu machen. Ist Pornographie Kunst? Sie ist es. Denn Kunst ist die Betrachtung und die Vorstellung, die rituelle Darbietung ursprünglicher Mysterien. Kunst gewinnt dem zerstörerischen Wirbel der Natur eine Ordnung ab. Kunst, sagte ich, ist voller Verbrechen. In der Hässlichkeit und Gewalt der Pornographie spiegelt sich die Hässlichkeit und Gewalt der Natur.“
Ich breche hier ab, nur um Ihnen, mein aufmerksamer Robert, die Nase lang zu machen, denn Ihr Gehirn wollte ich erregen, nicht Ihr Fleisch. Und ich werde Sie diesmal auch keinen Monat lang auf die Folter spannen, die Fortsetzung zu hören.
Vielleicht vergnügen Sie sich derweil mit dem SONNTAZ „Streit der Woche“ vom 10./11.Oktober „Ist Porno gucken okay?“ Oh je.
„Priap! Dir bau ich einen Tempel“*
Ihr Michael Domas
* verspricht (und hält!) eben der Johann Heinrich Voss, der Ilias und Odyssee übersetzt hat. Würde Wolfgang Petersen dessen Gedicht „An Priap“ verfilmen, schlüge das alle Pornos, die wir bisher gesehen haben.
Willst du einer Frau in den Arsch, musst du zuerst in ihren Kopf eindringen
Schweigsamer Freund,
(denn „Schweigen ist Fülle, Worte sind Hülle“ so ähnlich bei Mascha Kaleko),
nun Sie selber sich entweder keine Internetfilmchen ansehen (aber ist das vorstellbar?) oder es vorziehen, über Ihre Erfahrungen zu schweigen (das ist vorstellbar), habe ich mich in der A.L.-Kennedy-Frage, ob wir mir den Pornomädels Mitleid empfinden müssen, nach einen Fachmann umgetan, und bin auf ein Interview mit dem „berühmtesten Pornostar der Welt“ gestoßen. Es ist zwar schon von 2005, aber in diesen Dingen bleiben die Dinge sich ja gleich.
Rocco Sifredi:
„Die Bescheidenheit ist eine weitere Qualität des Profis. Wer sich auf dem Set als Superrammler gebärdet, macht meistens als Erster schlapp. Entscheidend aber ist, dass man mit der Frau ein Feeling aufbauen kann.“
“Sie lachen, aber die Psyche ist auch im Porno entscheidend. Willst du einer Frau in den Arsch, musst du zuerst in ihren Kopf eindringen. Auf dem Set streckt dir jede den Hintern entgegen, aber nur wenige machen es wirklich mit Leidenschaft. Die Augen alleine verraten dir, ob jemand wirklich scharf ist.“
Und dann auch noch zu Viagra:
„Wenn es nach mir ginge, würde ich Viagra auf dem Set tatsächlich verbieten. Es verschafft den Darstellern zwar einen Dauerständer, nimmt ihnen aber die Geilheit. Wer sich auf natürliche Art erregt, hat diesen tierischen Ausdruck in den Augen, den ein Viagra-Junkie nie haben wird. Kommt hinzu, dass Viagra den Höhepunkt unglaublich in die Länge ziehen kann. Es ist möglich, dass einer eine halbe Stunde rubbeln muss, bis er endlich kommt. Das ist langweilig und törnt die Zuschauer ab.“
Wow, sage ich dazu, gut gebrüllt, Löwe, und denk mir, bei so professionell Professionellen kann die Arbeit ja so unangenehm nicht sein.
Bleibt die Frage: Sehn Sie’s den Mädels an, ob sie wirklich scharf sind?
Großartiges Schauspiel
Michael Domas
