Artikel getaggt mit ‘Schamhaarentfernung’
Haarige Angelegenheiten
Robert and Michael Domas:
Also ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Schamhaarentfernung soll der letzt Schrei sein, eine Mode, ein Diktat des Jugendwahns. Die Franzosen tun es schon lange, die Muslime tun es seit dem Mittelalter. Muslime (Männer und Frauen) müssen sich nach den islamischen Reinlichkeitsregeln alle 40 Tage enthaaren, ja, auch da unten. So steht es im Koran, wer hätte das gedacht. Die zuletzt viel beschimpfte “Kindermöse” ist meiner Meinung nach nur alter Wein in neuen Schläuchen.
Dennoch frage ich mich, wie die regelmäßige Intimrasur seit den frühen Neunzigern ihren bespiellosen Siegeszug in abendländische Badezimmer antrat? Meine Antwort darauf: Der Zugang der breiten Bevölkerung zum Medium Porno.
Eine zentrale Ausprägung von Porno ist das Bild, und zwar das Bild wie der Schwanz in die Fotze gleitet bzw. das man als Betrachter mit der Nase auf selbige Szene gedrückt wird. Kann man sich ein solches Bild mit behaarten Geschlechtern vorstellen? Nein, ganz praktisch gesehen, nein. Man würde einfach weniger sehen.
Die Pornokultur hat einen entscheidenden Einfluss auf den Trend zur Intimrasur, das ist Konsens. Zudem steht die haarlose Scham für Jugend, das ist nun mal so, auch wenn eine haarlose Scham nur bei den Jüngsten unter uns naturgegeben ist. Das ist die etwas irritierende Seite des Bildes.
In meiner Generation gibt es keine Ausnahmen mehr. Rasur ist ein Muss, ohne dessen Beachtung es sexuell einsam werden kann. Ich kann das nachvollziehen und bekenne mich dazu. Ja, Porno hat mich versaut, so what!
———————————–
Lieber Robert,
sich auf Diskussionen über Haarfällungen im letzten Reservat der Natur einzulassen, ist eine haarige Angelegenheit, über Mode streitet man nicht, sondern wartet sie ab. Selbst Erich Kästners „Klassefrauen“, obwohl es ein klasse Gedicht ist, mufft inzwischen. (Na ja, 1930 ! Was werden Leute über unseren Blog in 80 Jahren sagen.): Kästners Polemik gegen die Rotfärbung der Nägel macht bewusst, wie vergeblich es ist, Einsprache gegen die Torheit zu erheben. Auch kann man immer selber als Mitläufer ertappt werden. Und man vergesse nicht, selbst das Leuchtevolk des abendländischen Geistes, die Griechen, legten allergrößten (und mitleidlosen!) Wert auf das Äußere, auf die Schale, sie waren Fetischisten der Schönheit. Deshalb kringelt es auch so anmutig um die Marmorgemächte der Männer. (Bei den Frauen nicht, gebe ich zu.)
Es ist nur eben bedauerlich, dass intime Gesten, die einem früher von einer Frau geschenkt worden sind, in diesem Falle ihre besondere (!) Nacktheit, nun von einer Modeströmung erzwungen werden, gar vom Pornokonsum angeschoben. Ich empfinde das als Enteignung. Und ganz schlecht wird mir von dem Hygienekiki, der sich hier austoben kann. Hygiene stabreimt sich nicht zufällig auf Hysterie, und wäre unser Thema nicht die Moral, lieber Robert, müssten wir gegen die um sich greifende Fimschigkeit entschieden zu Felde ziehen.
Als Enteignung empfinde ich auch den öffentlichen Gebrauch schmutziger Wörter. Sie lieben das ja, Robert, und ich liebe es an Ihnen. Aber eigentlich sollten solche dunklen Preziosen privat und mit sanfter Stimme ausgesprochen werden, dann entfalten sie, weiß man Inflation zu vermeiden, eine starke Wirkung.
Sie, Robert, trauen der Pornographie sehr viel zu und glauben gar: „Porno ist Alltag, hat den Nimbus des Verruchten verloren und ist längst in der Popkultur angekommen.“ Hätt ich nichts gegen. Nur komme ich über den Einwand meiner Frau nicht hinweg: „Möchtest du, dass deine Töchter das machen? (Pornos, Prostitution usw.)“ Und mir hilft da auch gar kein Argumentieren.
Muss Moral begründet werden können? (Mein Gott, welche Vorlage für die Philister!)
Michael Domas
Im Übrigen halte ich Schönheit für eine zwar begehrenswerte, aber doch notorisch überschätzte Ingredienz von Sex.
